DAS ANDERE BABY

DAS ANDERE BABY
Freunde beim Frühstück

Ein kleines Geißlein — der größte Freund

Bozo wird bald 6 Jahre alt. Der Kindergarten ist super. Der Hausmeister ist nicht so super. Tante (Lehrerin) Jožica ist super. Aufstehen in der Früh ist nicht so super. Aber Ata und Mama müssen in die Arbeit, und er wird bald in die Schule gehen. Also gibt es keine Alternative – Kindergarten.

Zum Glück aber ist Bozos Zuhause auf dem Bauernhof eine Welt für sich. Dort sind Mama, Ata, Bozo, Ruby und Ferdo daheim. Ruby, der große schwarze fliegende Hund, und Ferdo, der stinkende Ziegenbock. Angst und Schrecken von allen rundherum. Wenn ihm jemand nicht gefällt, schaut Ferdo zuerst. Er hat solche glänzenden blau-grauen Augen. Er neigt den Kopf ein bissl zur Seite. Bozo hat gelesen, dass jene Tiere, die vor Gefahr weglaufen, die Augen seitlich am Kopf haben. Zum Beispiel ein Pferd, und eine Kuh, und ein Stier, und ein Reh, und eine Ziege und ein Ziegenbock. Jene Tiere, die jagen, haben sie vorne. Zum Beispiel Ruby. Und ein Fuchs. Und eine Katze.

Nur ist ihm nicht ganz klar, warum Ferdo die Augen an der Seite hat. Das ist auch Ferdo nicht ganz klar. Darum schaut er sich immer alles so an, dass er den Kopf ein bissl neigt. Damit er ausschaut wie ein Jäger, nicht wie Beute. Weil Ferdo keine Beute ist. Wer meint, Ferdo ist Beute, der täuscht sich gewaltig. Ja, Nachbars Luka hat das erlebt. Neulich ist er über den Elektrozaun geklettert und hat sich über Ferdo lustig gemacht. Ferdo nichts. Er schaut. Neigt den Kopf. Luka wedelt mit einem roten Tuch. Wie ein Torero. Aber Ferdo ist kein Stier. Außerdem erkennen auch Stiere die rote Farbe nicht, sie erkennen flatternden Stoff. Aber Ferdo stört das Tuch nicht. Dieser Rotzbub stört ihn. Wenn er schreit. Und Bozo mag ihn auch nicht. Und Ferdo wartet. Luka ist immer näher und näher. Und dann. Dann schätzt Ferdo. Nah genug. Und startet. Senkt die Hörner und los. Luka aber ... auch los. Zum Elektrozaun. Noch zwei Meter. Noch ein Meter. Noch ein bissl ... und Luka fliegt. Ferdo hat ihn erwischt. Und mit seiner mächtigen Stirn hat er ihn gestoßen in ... Ich darf es nicht schreiben, aber denken könnt ihr es euch. Luka Superman, oder besser Luka Ziegenkick.

Dann aber ins Heulen und zu seinem Ata. Der sagt zu ihm: warum gehst du auch zum Bock auf die Weide. Sei froh, dass er dich nicht zusammengehauen hat.

Ja, jetzt ist es schon so. Es war aber nicht immer so.

Als Bozo klein war, so ungefähr drei Jahre alt, und den fliegenden Hund Ruby bekommen hat, wurde auch Ferdo geboren. Ferdos Mama war die Ziege Belka. Was meinst du, warum sie so hieß? Weil sie ein bissl weiß und ein bissl schwarz war, natürlich. Was hast du denn gedacht? Du heißt ja auch nicht Marjetica, weil du einen schönen weiß-gelben Kopf hast, sondern weil deine Mama meint, dass du wie ein Gänseblümchen blühst. Und Belka war nach dem Kitzen ziemlich arm dran. Sie war nicht mehr die Jüngste, und sie konnte sich nicht um Ferdo kümmern.

Mama hat ein großes Herz. So groß wie 2 Fußballstadien in Maribor. Ata hat Bozo einmal mitgenommen, um ein Match anzuschauen. Bozo erinnert sich nicht, wer gewonnen hat, aber er erinnert sich, dass alle aufgestanden sind und geschrien haben: der Schiri hat keinen ... Ich werde es nicht schreiben, aber es reimt sich auf »Drache«. Na sagen wir, der Schiri hat keinen Drachen. Aber ein Stadion ist nichts gegen Mamas Herz. Ja, sie schreit eh immer. Irgendwas ist immer falsch. Aber wenn es sein muss, nimmt sie Ruby nach Hause. Und tröstet Bozo. Und backt Potica und trägt sie für alle in die Schule. Dann schreit sie wieder ein bissl. Aber Bozo meint, das ist eher aus Gewohnheit.

Und als Mama das arme kleine Zicklein sah, zusammengerollt in der Ecke, wie es aufstand, zitterte und keine Milch bekam, sagte sie. Eh. Sie ging ins Haus, kramte beim Geschirr und zog Bozos Flascherl heraus. Ja ja, ich weiß, wir erinnern uns alle, dass Bozo einmal, als er 2 war, sagte – Flascherl Flascherl – und Mama sagte, Belka habe es umgeworfen und zerbrochen. Natürlich war das nicht wahr, aber wie schaut das denn aus, wenn Bozo bis achtzehn das Flascherl hinter sich durch die Welt trägt. Irgendwann ist Schluss. Aber das Flascherl war so super, mit Sauger und allem, und Mama hatte es weggeräumt. Wie Mamas das halt können. Schnell wärmte sie ein bissl Ziegenmilch, von Šekica (und fragt mich nicht, warum sie so heißt, wenn sie ganz weiß ist), und gießt sie ins Flascherl. Sie hob den Kopf des kleinen Zickleins und steckte ihm den Sauger ins Maul.

Wie es gezogen hat. Ata würde sagen, es hat gesaugt wie ein Feuerwehr-Tankwagen. Es schloss die Augen, legte die Ohren an den Kopf und zog, zog, zog. Und meckerte. So kehlig, weich. Dann rollte es sich zurück ins Stroh und schlief ein. Und so jeden Tag. Belka erholte sich, aber erst nach langer Zeit. Und das Zicklein wuchs und wuchs.

Bozo war natürlich der Erste, der dem Zicklein das Flascherl geben wollte. Mama wehrte sich ein bissl, weil sie dachte, Bozo würde das Flascherl gleich kippen, aber ... tat er nicht. Überraschend. Er sagte nur, was für ein Glück, dass Belka das Flascherl nicht zerbrochen hat.

Und plötzlich musste Mama das Zicklein gar nicht mehr füttern. Das machte einfach Bozo.

An einem Sonntag kommt Bozo aus dem Stall und sagt, Ferdinand hat alles getrunken. Und Mama sagt: wer ist Ferdinand. Wer denn sonst, der Bock, sagt Bozo. Was für ein Ferdinand jetzt, sagt Mama. Bozo hatte an diesem Morgen einen Zeichentrickfilm über Ferdinand den Stier geschaut. Und er sagt zu Mama: dieser Stier ist nichts gegen meinen Ferdinand. Und schon bald war er nicht mehr so ein feiner Ferdinand, sondern ganz daheim einfach Ferdo. Wo kämen wir denn hin mit einem Bock Ferdinand. Da brechen wir uns ja die Zunge. Wenn aber Ferdo verloren geht, dann kann Bozo aus voller Kehle schreien: Ferdo, Ferdoooooo, Ferdoooo, wo bist denn, du Bock?

Ferdo ist ein sehr schneller Ziegenbock. Wenn es sein muss. Zum Beispiel, wenn Luka kommt. Oder wenn er sieht, dass irgendeine Ziege sich ins gute Gras drängt. Oder Gott bewahre irgendeine Krähe. Auf Krähen hat er wirklich einen Pick. Krähe runter, Ferdo hin. Aber Krähen sind gescheit. Man könnte sagen, sie reizen Ferdo. Und Bozo weiß nie, ob Ferdo sich reizen lässt, oder Ferdo ein Trottel ist, oder Ferdo gescheit ist und Sprints trainiert. Als Belohnung verjagt er die Krähen.

Und je mehr Bozo nachdenkt, desto sicherer ist er, dass er die Antwort weiß. Neulich hat er gehört, dass man in Pferdeställen immer irgendeine Ziege hat. Weil Ziegendreck ein bissl desinfizierend ist. Geht nur schauen, wie Ziegen Futter aussuchen. Ein bissl hier, ein bissl dort, Kräutlein hier, Kräutlein dort. Ata sagt: Wer fluchen lernen will, muss sich eine Ziege kaufen, weil eine Ziege halt in den Schaden geht. Und weil eine Ziege bei einem Brand weiß, wie sie fliehen muss. Weil eine Ziege ... gescheit ist.

Ferdo ist Ferdo, und Ferdo kann was. Fragt nur Luka.