Bozo lernt sehr gern. Allerlei. Mama sagt, dass er Blödsinn lernt. Ata winkt nur mit der Hand ab. Auf dem Bauernhof muss ein Bua Traktor fahren können, im Stall ausmisten, Holz hacken. Bücher sind ja fein. Ata hat auch gern gelesen. Aber bald war keine Zeit mehr übrig.
Aber jetzt sind andere Zeiten. Jetzt muss ein Bauer etwas können, nicht nur Essen erzeugen. Er muss verkaufen können, er muss Sprachen können, er muss das Internet können, und Fejs, und solche Sachen. Darum sagt er: lass ihn. Er soll lesen. Damit es ihm einmal besser geht.
Und Bozo liest von einem fliegenden Hund. Oder Fuchs? Oder so etwas. Er liest und liest und denkt sich. Das ist gar nichts. Bei uns ist der fliegende Hund Ruby.
Es war aber so. Mama mag große Hunde. Deutsche Doggen. Das sind solche großen freundlichen Hunde. Vor vielen vielen Jahren waren sie nicht so freundlich. Man hat sie für die Jagd auf Wildsauen gezüchtet. Die Ohren hat man ihnen abgeschnitten, damit die Sauen sie nicht beißen konnten. Und für Sauen sind sie noch jetzt Gift. Wenn Ruby eine Wildsau riecht, eh eh eh eh. Dann schreien alle. Ruby Ruby Ruby, sie aber nichts.
Sonst aber ist Ruby ein freundlicher Hund. Schnell, stark, schwarz, treu, riecht gut. Der beste größte stärkste Hund.
Vor einigen Jahren, als Bozo drei Jahre alt war, hatten sie einen anderen Hund. Auch eine Deutsche Dogge. Aber sie hatte ein krankes Herz und ist gestorben. Alle haben geweint. Mama hat geweint. Bozo hat geweint. Auch Ata ist eine Träne gekommen, aber das war, weil es so heiß war und es war keine Träne, sondern Schweiß. Ata kann nicht weinen.
Nach einiger Zeit sind sie einen anderen Hund holen gegangen. Viele waren dort. Nur Doggen. Graue, weiße, gefleckte. Mama sitzt und hat Bozo auf dem Schoß. Und die Hunde um sie herum. Sie redet mit der Frau. Die sagt: dieser ist lebhaft, dieser ist schön, dieser wird schnell sein ... Dort hinten aber ein kleiner schwarzer Hund. Aus der wird nichts, sagt die Frau. Die versteckt sich immer. Vielleicht ist etwas mit ihr nicht in Ordnung. Dann kommt der kleine schwarze Hund zu Mama. Stupst Bozos Bein. Und Bozo schaut ihr in die braunen Augen und ... und ... und ... Mama, nimm die.
Mama aber: die Frau sagt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sagt Bozo: ich dränge mich auch nicht nach vorn. Ich bin auch hinten. Ich warte auch. Aber dieser Hund ist so warm. Mama, die wird unsere. Da sagt Mama zur Frau: können wir sie für ein paar Tage nehmen? Vielleicht wird sie ja unsere. Und die Frau sagt: ich gebe Ihnen einen guten Preis, gut.
Und so kam Ruby, der fliegende Hund, heim auf den Bauernhof. Mama hat sich gleich in sie verliebt. Mama in die Küche, Ruby hinter ihr. Mama ins Schlafzimmer, Ruby hinter ihr. Mama in den Stall, Ruby hinter ihr, Ferdo der Bock war damals noch ein ganz kleines Zicklein und Mama hat ihn mit der Flasche gefüttert. Ruby ist ganz narrisch auf Mama. Na ja, Bozo ist in Ordnung, aber auf der Welt ist es für Ruby so: zuerst ist Mama. Sie ist die Rudelführerin. Dann ist Ata. Er verjagt alles. Dann sind da die Jungen, Bozo und Ferdo. So ist es richtig. Mama gibt Futter, Mama gibt Wasser, Mama ist der Chef.
Ruby hat sich gern am Rand des Bettes zusammengerollt. Das Schlafzimmer ist im Obergeschoß, am Dachboden. Dorthin führen steile Stiegen. Mama hat an irgendetwas herumgekramt, und Ruby ist eingeschlafen. Dann macht sie die Augen auf. Wo ist Mama? Im Hof.
Im Schlafzimmer ist ein Fenster, so ein Dachbodenfenster, so, dass ein Mensch sich durch das Fenster hinauslehnen kann. Mama lässt es offen, damit mehr Luft ist, sagt sie. Und Ruby hört durch das Fenster, dass Mama im Hof ist. Und sie denkt sich: so, ich geh in den Hof. Ruby ist drei Monate alt, und hat keine Erfahrung. Springen aber kann sie, sie nimmt Anlauf und und und und. Ruby neeeein. Neeeein. Sie springt durch das Fenster.
Aber das Fenster ist hoch über dem Boden. Ruby hat keinen Boden mehr. Bozo sieht sie. Und schreit. Neeeeeeeee.
Ruby streckt sich wie ein olympischer Wasserspringer. Ein Bein nach vorn. Kopf zur Seite. Bumm. Sie fällt auf den Beton, aber wie ein Rad. Linkes Bein, rechte Schulter, Kopf zur Seite, über den Rücken, rechtes Bein. Und bleibt liegen.
Ojojoj Ruby Ruby Ruby schreit Bozo. Mama schreit. Weint. Ata kommt zum Hund und schaut ihn an. Der Hund macht die Augen auf. Ata sagt, ich hole ein Brett. Er legt Ruby auf das Brett und ins Auto. Er fährt weg.
Bozo weint und weint. Sein Hund. Und weint.
Und dann, als er nicht mehr weinen kann, sitzt er unter dem Apfelbaum und denkt darüber nach, was er alles mit Ruby machen könnte. Laufen und suchen. Jetzt aber wird sie sicher sterben. Wenn er aus so einer Höhe gefallen wäre, wäre er tot. Jeder wäre tot.
Das Auto kommt zurück. Ata öffnet die hintere Tür und hebt den Hund heraus. Sie hat eine verbundene Pfote. Ata sagt: das ist unmöglich. Sie hat sich nur einen Zeh gebrochen. Unglaublich. Mama lacht und weint zugleich.
Und Bozo sagt: das ist mein fliegender Hund Ruby.